Dorfgeschichten - Schulgeschichte der Großmutter

 

Kleine Geschichte meiner Großmutter aus der Schulzeit (Jahrgang 1898)


Die Frieda war schon als kleines Kind oft bockig. Ihr Lehrer bekam es oft zu spüren. In der damaligen Zeit waren die Lehrer noch sehr streng. Der Rohrstock kam noch sehr oft zum Einsatz. Auch vor meiner Großmutter machte er nicht halt.

Die Bänke waren am Stück, d.h. Bank und Pult waren miteinander verbunden.Oben in der Mitte war eine kleine Rinne, in die man seinen Griffel oder Bleistift legen musste. Früher hat man auch noch auf einer Tafel geschrieben. Ein Tintenfass war auch in den Tisch eingelassen. Wenn der Lehrer das Klassenzimmer betrat, mussten sich die Schüler von Ihren Plätzen erheben und im Chor laut, klar und deutlich „Guten Morgen Herr Lehrer“ rufen. Dann durften sie sich setzen.

Auf dem Dorf war es auch so, dass verschiedene Altersklassen gemeinsam in einem Raum unterrichtet wurden. Es gab dort nicht so viele Schüler von einem Jahrgang, um ein Klassenzimmer zu füllen.

Vor Unterrichtsbeginn kontrollierte der Lehrer die Schüler, ob sie saubere Hände hatten. Wenn das nicht der Fall war, gab es gleich eine Tatze mit dem Rohrstock. Meine Großmutter war im Unterricht oft nicht aufmerksam und plapperte. Oft hat sie auch etwas angestellt. Das wiederum hatte zur Folge, dass Sie bestraft wurde. Was sie genau angestellt hatte, wusste Sie nicht mehr. Nur das es plötzlich hieß: „Frieda, komm sofort nach vorne.“ Vor dem Lehrerpult kam ihr schon der Lehrer mit dem Rohrstock entgegen. „Hände vorstrecken“.Also, Frieda folgsam, aus Angst, strecketIhre Hände nach vorne.

Jedes Mal wenn der Rohrstock auf Ihre Hände zuschoss, zog Frieda Ihre Hände zurück. Das machte den Lehrer ziemlich wütend. Beim dritten Versuch hat der Lehrer Ihr die Hände festgehalten und kräftig zugeschlagen.

Ich kann mir vorstellen, dass es wahnsinnig weh getan hat, da er auch nicht mit einer Tatze pro Hand sich zufrieden gab. Nein, 3 Tatzen pro Hand für das Wegziehen. Sie hat aber laut Ihrer Aussage keine Miene verzogen und ist zurück in Ihre Bank gegangen. Meine Großmutter war dann zutiefst verletzt. Jetzt kam der Bock durch. Sie legte sich mit dem Kopf auf den Armen auf Ihren Pult und war beleidigt für den Rest der Stunde. In der Pause war alles vergessen. Sie hat mit den anderen gespielt, rumgetollt und gevespert. Als wenn nichts passiert wäre. Als die Schulglocke erklang, ist Frieda wieder in Ihre Bank zurück.

Das Spiel begann von Neuem, Arme auf den Tisch, Kopf drauf und die beleidigte Leberwurst war fertig. Das Spielchen machte sich nach jeder Pause wiederholt, bis Schulschluss war. Da solche Situationen immer mal wieder vorkamen und sich wiederholten, da Frieda kein Engel war. Alle Lehrer hatten Ihr zwar Strafen gegeben, aber den Bock hat Ihr keiner ausgetrieben. Aber man soll ja nie die Hoffnung aufgeben, vielleicht stößt man irgendwann nicht mehr auf taube Ohren.

Eines Tages kam ein ganz neuer Lehrer an die Schule, streng aber gerecht. Als es mal wieder soweit war, dass Frieda sich bockig auf die Schulbank legte, wurde Ihr der Bock schnell ausgetrieben. Dieser neue Lehrer hatte, und damit hat sie nicht gerechnet, ganz anders reagiert. Erst hat er es im ruhigen versucht, „Frieda setze dich ordentlich auf die Bank“. Warum sollte ich, ich höre ja zu und kann mir auch die Aufgaben merken. Im Stillen hat sie bestimmt gedacht, der wird schon aufhören. Er hat es nochmals nach einer Weile versucht, die Reaktion war gleich Null. Ich bin jetzt bockig und beleidigt, das wird der schon begreifen.

Der Unterricht ging wie gewohnt weiter. Der Lehrer ging mit seinem Rohrstock auf dem Rücken durch die Reihen. Als er irgendwann hinter meiner Großmutter stand, holte er aus und schlug mit dem Rohrstock quer über den Rücken. Der Schreck, der Schmerz und Frieda saß plötzlich kerzengrade in Ihrer Bank. Sie hat sich nie wieder auf Ihren Pult gelegt.

Zu Hause hat Sie von dem Vorfall nie etwas erzählt, sonst hätte Sie bestimmt nochmals Prügel bezogen.

Sie hat aber auch weiterhin Ihre Streiche gemacht und natürlich Ihre Tatzen bekommen. Aber bockig war Sie nie wieder. Sie hatte immer ein Bild von diesem Lehrer in Ihrem Album.

von Rolf J. Richter

 

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